taz Nr. 7790 vom 11.10.2005, Seite 17, 157 Zeilen (Kommentar), MARGARETH OBEXER

Auf der Reise
Der Stolz der Flüchtlinge: Wer hinschaut, kann in Ceuta und Melilla Bilder von
selbstbewussten Migranten sehen

Sie stürmen den Grenzzaun zeitgleich an mehreren Stellen, fordern Spaniens
Grenzspezialisten zum offenen Wettrennen heraus und legen den Zeitpunkt
mitunter so, dass er mit dem Besuch von spanischen Politikern zusammenfällt. In
Ceuta und Melilla, den beiden spanischen Exklaven in Marokko, erinnern die
Grenzüberschreitungen immer öfter an politische Aktionen, an direkt geforderte
Auseinandersetzungen. Und immer massiver und entschiedener rücken sich die
Akteure selbst ins Bild.

Das ist ungewöhnlich. Bittsteller, die sich als Akteure begreifen? Diese Bilder
weichen ab von den bisher gewohnten, auf denen sie als zusammengepferchte
Gestalten in Fußballstadien oder in von der Grenzpolizei ins Tau genommenen
Booten gezeigt werden. Möglicherweise greifen sie demnächst selbst zum
Mikrofon, wenn sie den Übertritt geschafft haben? Ungefragt - und gegen ein
stillschweigendes Gesetz aufbegehrend, das sie auf die passive Rolle des
Bedürftigen festgelegt hat.

Über den Flüchtling wird geurteilt, gesprochen, entschieden, kaum je wird er
befragt oder am Diskurs über ihn selbst beteiligt. Die Symbollage beschränkt
ihn auf den Status eines Nackten. Er ist nackt, sobald er seine Reise antritt.
Nackt, durch die Tatsache, dass er sie antritt. Da er sie antritt, hat er
nichts zu verlieren. Und da er nichts zu verlieren hat, wird billigend in Kauf
genommen, dass er bereits tot ist. Der Flüchtling wird stets als einer auf ein
Unglück Reagierender wahrgenommen, niemals als jemand, der sein Geschick selbst
in die Hand genommen hat.

Doch Befragte sprechen von anderen Dingen: von dem eigenen oder dem
ausdrücklichen Wunsch der Eltern, ein ordentliches Gymnasium aufzusuchen oder
eine Universität. Und sie wählen eine weitaus aktivere Seelenlage, als ihnen
gemeinhin zugesprochen wird. "Stolz, einfach nur Stolz", das empfand der
23-jährige Benadou Njibie (taz, 8. 10.), nachdem er es nach fünf Jahren
Irrfahrt geschafft hatte, europäischen Boden zu betreten. Auch Khelafir, ein
junger, illegal in Sizilien lebender Algerier nennt genaue Absichten: eine
Arbeitsstelle, die ihn in seinem Beruf als Ingenieur weiterbringt, bis hin zu
einer Position, die es ihm später ermöglicht, in Algerien eine eigene Firma zu
gründen. Hinter seinen Plänen geben sich bürgerliche Vorstellungen zu erkennen,
die den unseren sehr ähnlich sind. Und sie beschreiben eine Person, die sich der
Gestaltbarkeit der eigenen Existenz bewusst ist.

Möglicherweise liegt hier ein Schlüssel für die Genügsamkeit europäischer
Neugierde, wenn es um Flüchtlinge geht. Denn sehr genau achtet man auf die
Grenzteilung zwischen den Ansprüchen, die einem bürgerlichen Subjekt und
Citoyen zustehen, das Wert auf Bildung, Wohlstand und Reisen legt; zugleich
unterschlägt man diese Ansprüche jenen auf der anderen Seite, indem man sie auf
den Status von unbedarften Kreaturen festschreibt. So kann ein sizilianischer
Bürgermeister im Gespräch und ohne auf den eigenen Widerspruch aufmerksam zu
werden, mit erhobener Brust von den Reiseplänen seines Sohnes nach Tunesien
berichten - und andererseits den Reisedrang von jungen Tunesiern nach Europa
als etwas ihm vollkommen Unverständliches missbilligen.

Aber auch die Annahme, dass sie nichts zu verlieren haben, entspricht einer
Wahrnehmung, die unter Ausschluss derjenigen gebildet wurde, um die es geht.
Khelafir benennt nicht nur die Diskrepanz seiner Ansprüche und dessen
Nichteinlösung in Algerien, sondern auch die Widrigkeiten, die ihm von
europäischer Seite zugemutet werden. Ansprüche auf eine bewohnbare Wohnung
anstelle eines feuchten Lochs; Ansprüche auf zumutbare Arbeitsbedingungen
anstelle einer Sklavenbehandlung - und den Anspruch auf Legitimität, um im
Zweifelsfall seinen Chef anzeigen zu können.

Diese Eigenwahrnehmung verhält sich genau umgekehrt zur Äußerung des
Bürgermeisters, wenn er sich entsetzt gibt über die Umstände, unter denen
Illegale bereit sind zu hausen, und wörtlich: "Regelmäßig besuche ich sie mit
meiner Frau, die ein wahrlich großes Herz für sie besitzt, doch regelmäßig muss
sie sich die Nase zuhalten." Ein Missverständnis? - wonach diejenigen, die sich
nach einem besseren Leben umsehen, keinen Begriff davon haben sollen? Nur:
Befragt man sie, stellt sich die Frage, von welcher Passivität das wenige
zeugt, was man von der eigenen Seite bereit ist, ihnen zuzubilligen. Denn nach
ihren Antworten müsste man auf gleicher Augenhöhe mit ihnen verhandeln - und
damit die eigenen Vorstellungen von autonomen, handelnden und fühlenden
Subjekten mit ihnen teilen. Auch dies entspräche einer Grenzauflösung.
MARGARETH OBEXER

Von der Autorin erschien zuletzt das Theaterstück "Das Geisterschiff"