Grundsatzpapier der Plataforma
In diesem System werden wir eingeteilt und hierarchisiert in Flüchtlinge und MigrantInnen, in Menschen mit Papieren und ohne, in Menschen mit und ohne Rechte. Wir spüren und erleben hier den alltäglichen und institutionellen Rassismus der deutschen Gesellschaft. Systematisch wird uns das Recht auf ein menschenwürdiges Leben verwehrt. Diese Entrechtung endet nicht vor den Toren Europas, vor denen Tausende von Menschen ihr Leben verlieren. Was uns eint, ist nicht nur der staatliche und gesellschaftliche Rassismus gegen uns, sondern auch der Wille, diesen nicht hinzunehmen.
Plataforma
Die Plataforma der MigrantInnen und Flüchtlinge hat sich im Oktober 2004
auf der The Voice – Refugee Forum Jubiläumsfeier in Berlin mit dem
Ziel gegründet in gemeinsamer Arbeit, vorhandene Ansätze der Selbstorganisierung
der MigrantInnen und Flüchtlinge in Berlin zusammenzubringen. Die Plataforma
ist ein Raum für Gruppen und Individuen, die aus verschiedenen Teilen der
Welt kommen und unterschiedliche Erfahrungen und Visionen haben. Dadurch besteht
die Möglichkeit, sich auszutauschen und gemeinsame Strategien gegen die
herrschenden Ungerechtigkeiten zu entwickeln, um als politisches Subjekt zu
agieren und wahrgenommen zu werden.
Es gibt viele Gründe, weshalb Menschen ihre Länder verlassen. Zu oft
liegt es daran, dass ihre Länder von den westlichen Industriemächten
ausgeplündert und zerstört werden. Wir wollen diese Kontinuität
des Kolonialismus aufzeigen und dagegen angehen. Daher ist der Austausch über
die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse unserer Herkunftsländern
eine wichtige Grundlage unserer Auseinandersetzungen. …. Wir kämpfen
für eine Gesellschaft der Würde, ohne Grenzen, Rassismus, Klassen,
Patriarchat und Unterdrückung.
Selbstorganisierung
Wir, MigrantInnen und Flüchtlinge, dürfen es nicht länger zulassen,
dass wir als Menschen 2. oder 3. Klasse behandelt werden. Wir können uns
nur auf unseren Widerstand und unsere Kraft verlassen. Die Grundlage unseres
Handelns ist eine internationalistische und solidarische Haltung. Wir haben
kein Lösungsrezept, aber die Überzeugung, dass wir diese Ungerechtigkeiten
gemeinsam bekämpfen können. Anstatt sich mit individuellen oder selektiven
Lösungen abzufinden, setzen wir uns für die Entwicklung kollektiver
Lösungen und einer starken und Selbstorganisierten Bewegung ein. Unter
Selbstorganisierung verstehen wir ein selbstbewusstes Agieren der MigrantInnen
und Flüchtlinge. Dabei ist es für uns wichtig, unabhängig von
Institutionen wie Staat, Parteien und NGO zu bleiben.
Wir lehnen hierarchische Strukturen
ab und verstehen uns als ein Raum,
wo jeder eine Stimme und die gleichen Rechte hat. Unsere Entscheidungen
basieren auf dem Respekt vor unterschiedlichen Meinungen, bei denen für
paternalistische Verhaltensweisen kein Platz ist.
Wir kämpfen für ein Ende der rassistischen Strukturen, Handlungen
und Angriffe jeder Art.
Wir fordern und nehmen die uns zustehenden Rechte!
Unser Kampf gilt der Abschaffung
von:
• Allen Sondergesetzen im Bezug auf Flüchtlinge und MigrantInnen,
wie das Zuwanderungsgesetz und das Asylbewerber-leistungsgesetz (u.a. zur Demütigung
durch Lebensmittelgutscheine und 40,- € Taschengeld im Monat)
• Residenzpflicht ( Beschränkung der Bewegungsfreiheit auf einen
Landkreis)
• Gefangennahme in Sammellagern und Abschiebehaft
• Dem Ständigen Unsicherheitsstatus durch so genannte Kettenduldungen
• Abschiebungen
• Ausbürgerungen
• Rassistischen Ausweiskontrollen
• Dem Ausschluss von einer aktiven politischen Teilnahme
• Der Kriminalisierung unseres Widerstandes
• Repressionen im Rahmen der Antiterrorgesetze
• Aberkennungen der ohnehin sehr geringen Anzahl der Asylanerkennungen
• Einer Einteilung in „nützliche“ und „unnützliche“
MigrantInnen und Flüchtlinge
• Eines Einhämmerns der als Integration verpackten deutschen „Leitkultur“
• Körperverletzung und Tod durch rassistische Gewalt durch Polizei
und Neonazis
• Der Illegalisierung von Menschen
Verdammte dieser Erde, vereinigt Euch!