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Montag, 13. Juni 2005

"Wie ist das möglich, mitten in Deutschland?"
Im Januar verbrannte ein Asylbewerber in einer Dessauer Arrestzelle. Nur
eins ist heute klar: Er hätte gerettet werden können
Renate Oschlies

DESSAU, im Juni. Links neben der Wohnungstür stehen, ordentlich
abgestellt, Oury Jallhos beigefarbene Turnschuhe mit den dunklen
Streifen. Seine ganze Habe findet sich im Zimmer dahinter: ein
gelbkariertes Hemd, ein weiteres Paar Turnschuhe, eine Plastiktüte mit
Wäsche und eine helle Ledertasche, in der noch die letzte Behördenpost
steckt. Zwischen der Wand und der Bettcouch sind seine wenigen Sachen
verstaut. Das Zimmer teilte sich der 21-Jährige mit zwei weiteren
Asylbewerbern aus Afrika. Es ist alles, was von dem jungen Schwarzen
blieb, der vor fünf Jahren aus Sierra Leone nach Deutschland floh. Oury
Jallho ist tot. Er verbrannte in einer Polizeizelle in Dessau.

Das war am 7. Januar, einem Freitag. Über den Polizeiruf 110 hatten sich
gegen acht Uhr am Morgen drei Frauen von der Stadtreinigung gemeldet, die
sich von dem jungen Mann belästigt fühlten. Er wollte sich von ihnen ihr
Handy leihen um zu telefonieren, weil seines nicht funktionierte. Er
fragte sie immer wieder, bis sie die Polizei riefen. Die Beamten vom
Dessauer Revier nahmen ihn mit. Jallho war betrunken, er war bis zum
frühen Morgen in einer Disco gewesen, er wehrte sich heftig, heißt es.
Der Polizei war er bereits in Zusammenhang mit Drogendelikten
aufgefallen.

Auf dem Revier entnimmt ein hinzugerufener Arzt eine Blutprobe, man
durchsucht seine Kleidung, legt ihm Hand- und Fußfesseln an, weil er sich
immer noch wehrt und bringt ihn in den Keller, in die Zelle Nummer fünf.
Ein bis zur Decke gefliester Raum, am Boden ein Podest, darauf eine
Kunstledermatratze. Jallhos Fesseln werden durch Eisenringe in Wand und
Boden gezogen. Er ist festgekettet. Alle halbe Stunde sollen die
Polizisten die Zelle kontrolliert haben, zuletzt um 11.45 Uhr. Sie melden
keine Auffälligkeiten.

Die Zelle ist durch eine Sprechanlage mit den Räumen der diensthabenden
Beamten im zweiten Stock verbunden. In der Zelle sei ein sehr sensibles
Mikrofon eingebaut, sagt ein Polizeisprecher, das auch normales Sprechen
gut hörbar wiedergebe. Doch als in den nächsten Minuten ein Feuer
ausbricht und ein Mann um sein Leben schreit, hören die Beamten es
offenbar nicht. Der Dienstgruppenleiter an diesem Tag,
Polizeihauptkommissar Andreas S., soll die Gegensprechanlage leise
gedreht haben. Eine Kollegin die das bemerkte, soll den Ton wieder
angestellt haben.

Kurz nach zwölf wollen Andreas S. und die Kollegin ein Plätschern aus der
Zelle hören, in der Jallho gefesselt liegt. Als der Rauchmelder
anschlägt, soll Andreas S. den Alarm abgestellt haben. Der Melder habe
öfter Fehlalarm angezeigt, sagt er später aus. Die Anlage wurde jedoch im
September repariert. Dann hören sie Rufe Jallhos und ein, wie es heißt,
lautes Plätschern.

Der Rauchmelder schlägt erneut Alarm; S. soll wieder den Aus-Knopf
gedrückt haben. Doch die Kollegin löst Alarm aus. Auch der Rauchmelder
aus dem Lüftungsschacht schlägt nun an. Als ein Beamter um 12.11 Uhr zur
Zelle im inzwischen völlig verqualmten Keller vordringt, vernimmt er kein
Lebenszeichen des jungen Farbigen mehr. Die Feuerwehr dringt um 12.35 Uhr
zur brennenden Leiche Jallohs vor.

Ein junger Asylbewerber habe sich in der Zelle das Leben genommen, wird
zuerst gemeldet. Wie der, gefesselt, die schwer entflammbare Matratze
entzündet haben soll, ist zunächst nicht geklärt. Erst Wochen später
werden Reste eines Feuerzeuges gefunden. Die Staatsanwaltschaft geht nun
davon aus, dass Jallho trotz Fesseln das Feuerzeug, das ein Beamter bei
der Durchsuchung übersehen haben muss, aus seiner Hose gezogen und das
Feuer selbst entzündet hat.

Die Beamten, die Jallho durchsuchten, gaben hingegen an, nichts außer
Taschentüchern in dessen Kleidung gefunden zu haben. Woher das Feuerzeug
in der Zelle stammte, wird nun das Gericht klären müssen - wenn dies
überhaupt noch möglich ist. Die Staatsanwaltschaft jedenfalls hat jetzt
Anklage erhoben gegen den Dienstgruppenleiter des Reviers wegen
Körperverletzung mit Todesfolge, weil er den Brand zu spät bemerkte.
Gegen einen weiteren Beamten wegen fahrlässiger Tötung, er soll das
Feuerzeug übersehen haben. Fest steht, der junge Afrikaner hätte gerettet
werden können, wenn auf den Alarm sofort reagiert worden wäre.

Doch dies ist nur ein Teil der traurigen Geschichte vom Tod des Oury
Jallho. Denn alles, was über die mysteriösen Todesumstände an die
Öffentlichkeit gelangte, kam häppchenweise, unter dem Druck von
Bürgerinitiativen ans Licht. Vom Dessauer Oberbürgermeister, Hans-Georg
Otto, gibt es bis heute keine Stellungnahme, kein Bedauern; bei der
Trauerfeier am 29. März auf dem Zentralfriedhof war kein Vertreter der
Stadt dabei.

Sachsens-Anhalts Innenminister Klaus-Jürgen Jeziorsky hat den Tatort nie
besichtigt. Er habe sich anhand von Fotos unterrichtet, sagt sein
Sprecher. Und er habe Maßnahmen veranlasst: Ein Erlass sieht vor, dass
Alarmmeldungen in Polizeigewahrsamsräumen in jedem Fall unverzüglich
nachzugehen ist, auch bei vermeintlichem Fehlalarm.
Selbstverständlichkeiten.

Als der "Spiegel" Telefonmitschnitte von Gesprächen der Beamten auf dem
Revier öffentlich machte, erklärte die Staatsanwaltschaft nur, die
Telefonprotokolle seien ihr von Anfang an bekannt gewesen.

So wird das Gespräch zwischen dem einbestellten Arzt, der die Blutprobe
bei Jallho entnehmen soll, wiedergegeben. "Pikste mal 'nen
Schwarzafrikaner?", wird der Arzt von einem Polizisten gefragt. "Ach du
Scheiße", antwortet der. "Da finde ich immer keine Vene bei den
Dunkelhäutigen." Lachen. "Na, bring doch 'ne Spezialkanüle mit", sagt der
Polizist. "Mach ich", sagt der Arzt. Ein zweiter Mitschnitt vom 7.
Januar, nachdem sich der Alarm in der Zelle Nummer fünf herumgesprochen
hatte: "Hat er sich aufgehangen, oder was?" "Nee, da
brennt's." "Wieso?" "Weiß ich nicht. Die sind da runtergekommen, da war
alles schwarzer Qualm." "Ja, ich hätte fast gesagt gut. Alles klar,
schönes Wochenende, ciao, ciao."

Im Oktober 2002 starb schon einmal ein Mann in einer Polizeizelle des
Dessauer Reviers, an einem Schädelbruch und inneren Verletzungen. Auch
damals hatte Andreas S. Dienst, derselbe Arzt wie im Januar wurde geholt.
Die Ermittlungen sind 2002 eingestellt worden.

"Die Behörden geben nur bekannt, was bereits ohne ihr Zutun an die
Öffentlichkeit gelangt ist." So sieht es Marco Steckel von der Dessauer
Beratungsstelle für Opfer rechter Gewalt. Er verfolgt den Fall seit
Monaten. Steckel hat Strafanzeige wegen Verunglimpfung eines Toten gegen
die NPD gestellt. Denn auf der NPD-Website heißt es zum Tod
Jallhos: "Kein Mensch konnte damit rechnen, dass der Herr Asylant mittels
des am Körper versteckten Feuerzeuges binnen weniger Minuten die Matratze
auf 350 Grad Celsius erhitzt. Und das sind schließlich Temperaturen, die
selbst für einen an Hitze gewohnten Westafrikaner eindeutig zu viel
sind", heißt es da. Ein Leserbrief auf der NPD-Seite ist unterzeichnet
mit den Worten: "Vier Polizeibeamte aus Sachsen-Anhalt". Der Brief lobt
die Darstellung der NPD, "die unseren großen Respekt und Hochachtung
findet". "Vielen Dank! Viele Kollegen werden Sie dafür nächstes Jahr
wählen, das ist sicher!" Marco Steckel hat auch gegen die namentlich
nicht bekannten Urheber des Leserbriefs Anzeige erstattet.

Im Büro der Dessauer Beratungsstelle sitzt Mouctar Bah, ein Freund des
Opfers. Als er dessen Familie in Afrika benachrichtigte, geriet sie unter
Schock. "Wie ist das möglich, mitten in Deutschland?", fragten die
Verwandten. Die Mutter Oury Jallhos bevollmächtigte Mouctar Bah, ihre
Interessen im Todesfall ihres Sohnes zu vertreten. Der beauftragte eine
Rechtsanwältin. Sie veranlasste eine zweite Obduktion. Der Gutachter
attestiert darin einen Nasenbeinbruch, der bei der ersten Obduktion nicht
festgestellt worden war. Zudem stellt der Rechtsmediziner fest, dass Oury
Jallho mindestens 30 Minuten im Feuer gelegen haben muss.

Oury Jallhos Freunde leben in einem heruntergekommenen Mietshaus im fünf
Kilometer entfernten Roßlau. Auf vier Etagen sind die Asylbewerber dicht
gedrängt untergebracht. Viele sind seit dem Tod des Mitbewohners
verängstigt. Sie zeigen grauenvolle Fotos von Ourys verkohltem Leichnam.
Sie entstanden, bevor die Leiche nach Afrika überführt wurde. "Oury war
ein Mensch, der viele Freunde hatte, Afrikaner, Türken, Araber und viele
Deutsche", erzählen die Freunde. Oury Jallho wäre am 2. Juni 22 Jahre alt
geworden. Die Zelle, in der er starb, ist frisch renoviert.