Texte zu Rosa Amelias Buch
-Die Zerstörungswut, die Daniel Goldhagen (in "Hitlers willige Vollstrecker"; mk) bei der Bevölkerung Hitlerdeutschlands zu erkennen glaubt, war diesem Volk keineswegs ausschließlich auf dem Leib geschrieben. Sie ist vielmehr bezeichnend für alle Gruppen, die sich in einer Situation der Stärke und Überlegenheit befinden. Es entspricht der Vernichtungskultur, die durch die moderne Barbarei hervorgebracht und genährt wurde - einer Barbarei, die in (dem von europäischen Eroberern "zivilisierten"; mk) Amerika ihren Ausgang nahm, in Afrika reproduziert wurde, auf dem asiatischen Kontinent ihre Fortsetzung fand, in Australien unerbittlich gegen Aborigines praktiziert wurde und schließlich in Europa selbst alle Grenzen sprengte. Die Vernichtung von 'minderwertigen' Gruppen war in die Lebensgewohnheiten eingegangen.-- Rosa Amelia Plumelle-Uribe
Süddeutsche Zeitung, 20.09.2004
Holocaust in Afrika
Gewagte Parallelsetzung von Kolonialismus mit NS-Barbarei
Nazideutschland hat lediglich in kleinem Maßstab in Europa praktiziert, was die Westeuropäer Jahrhunderte lang gegenüber den Rassen praktiziert haben, die so mutig oder so unvorsichtig waren, ihnen über den Weg zu laufen.“ Diesen Satz schrieb der große Kolonialismusforscher Aimé Césaire im Jahr 1948 – und damals wie heute werden viele Césaires These als „Relativierung“ der Verbrechen des NS-Regimes, als schockierenden Tabubruch, ja als Zumutung empfinden. Den Opfern von Kolonialismus und Sklaverei dürften Bedenken dieser Art aber nur schwer begreiflich zu machen sein. Die schwarze kolumbianische Intellektuelle Rosa Amelia Plumelle-Uribe ist eine Nachfahrin der Opfer. Sie hat das Recht, bohrende Fragen zu stellen, vor denen andere – aus welchen Gründen auch immer – zurückschrecken. Sie tut dies ganz im Geiste Césaires – aus einer bedingungslos humanistischen Perspektive.
Wenngleich Plumelle-Uribe nicht mit neuen historischen Tatsachen aufwartet, werden sich viele Leser vermutlich eingestehen müssen, dass sie von alledem unendlich viel weniger wussten, als sie zu wissen glaubten. Im Amerika des Jahres 1500 lebten etwa achtzig Millionen Menschen, von denen zur Mitte des 16. Jahrhunderts noch zehn Millionen übrig waren; allein die Bevölkerungszahl Mexikos betrug vor der Conquista fünfundzwanzig Millionen, im Jahr 1600 nur noch eine Million. Das gleiche Bild in Afrika: Im belgischen Kongo sind bis zu zehn Millionen Menschen unter der Regentschaft Leopolds II. mit teilweise unvorstellbarer Bestialität getötet worden.
Doch Plumelle-Uribe geht es nicht primär um die erschreckende Dimension der Verbrechen. Sie konzentriert sich auf die Motive und Interessen der Täter sowie auf die Techniken der Terrorisierung und Vernichtung. Was sie in diesem Zusammenhang in drastischer Anschaulichkeit ausbreitet, macht die Lektüre über weite Strecken zu einem peinigenden Unterfangen. Ihre vorzüglich belegte These lautet, dass die Mechanismen der Unterwerfung und Auslöschung der indigenen Bevölkerungen wie auch die Rechtfertigungsstrategien der Täter frappierende Ähnlichkeiten mit den Praktiken des NS-Regimes aufweisen.
So ist es denn auch nur konsequent, wenn Plumelle-Uribe nicht euphemistisch von „Sklavenhandel“ spricht, sondern von massenhafter „Deportation“. Deren unglückliche Opfer endeten, wenn sie nicht schon während der Überfahrt nach Amerika wie Vieh über Bord geworfen wurden, in „amerikanischen Konzentrationslagern“. Dort wurden sie zur verkäuflichen Ware degradiert, ausgebeutet oder durch Arbeit vernichtet, aus nichtigsten Anlässen gequält und getötet. Dies alles ist zwar im Prinzip bekannt, doch es ist, so der zentrale Vorwurf der Autorin, nie zu einem Bestandteil des europäischen Geschichtsbewusstseins geworden. In der durchaus provokativ gemeinten Analogisierung dieser Verbrechen mit denen des NS-Regimes sieht Plumelle-Uribe offenbar die einzige Möglichkeit, europäische Bewusstseinsblockaden aufzubrechen.
Der wesentliche Unterschied zwischen der dreieinhalb Jahrhunderte währenden Form institutionalisierter Barbarei in Afrika und Amerika und der zwölfjährigen des NS-Regimes liegt Plumelle-Uribe zufolge darin, dass für die Nazis nicht länger die angebliche Überlegenheit der Weißen gegenüber den Schwarzen, sondern die rassische „Minderwertigkeit“ der so genannten Nicht-Arier handlungsbestimmend war. Dadurch wurden erstmals weiße Menschen selbst zu Opfern einer weißen Vernichtungspo-litik. Weil sich die Nazis nach ihrem verlorenen Krieg auf der Anklagebank wiederfanden, konnte ihren Opfern historische Gerechtigkeit widerfahren, eine Gerechtigkeit, die den Opfern der Kolonialherren und Sklavenhalter angesichts des bis heute weitgehend ungebrochenen westlichen Deutungsmonopols noch immer vorenthalten bleibt.
So überzeugend Plumelle-Uribe die Analogien der Völkermorde herausarbeitet, so fragwürdig ist ihre These, es bestehe auch noch zwischen ihnen eine Kausalität. Wenngleich sich Zusammenhänge kaum leugnen lassen dürften, erscheint die pauschale Feststellung „reichlich kurzschlüssig“, wie der im Juli dieses Jahres verstorbene Publizist Lothar Baier in seinem Vorwort mit Recht moniert. Doch dieser Einwand kann dem im besten Sinne aufklärerischen Buch und seiner zentralen Botschaft nur wenig anhaben. Sie lautet: Überall dort, wo Menschen absolute Macht über andere Menschen reklamieren und tatsächlich erlangen, bricht über kurz oder lang jegliche Werteordnung zusammen und das bis dahin „Unvorstellbare“ wird zur grausamen Realität.
ULRICH TEUSCH
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/politischeliteratur/316532/
Rosa Amelia Plumelle-Uribe: "Weiße Barbarei. Vom Kolonialrassismus zur Rassenpolitik der Nazis"
Rotpunkt-Verlag Zürich 2004, 360 Seiten, 22,50 Euro
Von Thomas Mösch
Im folgenden Buch geht es der Autorin weniger um Vermittlung von Fakten als darum, eine neue Sichtweise zu entwickeln. Rosa Amelia Plumelle-Uribe will zeigen, wo die Rassenpolitik der Nationalsozialisten in der Tradition des Kolonialrassismus steht und wo sie aus ihr ausbricht. Ihr polemischer Ton im Umgang mit Historie dürfte für ein deutsches Publikum eher ungewohnt sein. In Frankreich, wo Plumelle-Uribe lebt, gehört sie zum Alltag der politischen Auseinandersetzung. Thomas Mösch über:
"Weiße Barbarei" von Rosa Amelia Plumelle-Uribe ist zuallererst eine
politische Streitschrift. Die Kolumbianerin, die in ihrer Familie afrikanische
und indianische Vorfahren hat, will auf das Ausrotten zahlreicher Völker
und das Unterwerfen ganzer Kontinente durch die Europäer ein neues Licht
werfen. Unter anderem versucht die Autorin zu erklären, warum viele Afrikaner
und indianische Amerikaner einen anderen Blick haben auf die Vernichtungspolitik
der Nazis. Plumelle-Uribe listet zahlreiche grausame Beispiele aus der Jahrhunderte
währenden Kolonialgeschichte Amerikas und Afrikas auf und kommt zu dem
Schluss:
Aus diesem Grund wird die Realität der Gaskammern, die in den deutschen
Vernichtungslagern betrieben wurden, von uns anderen fast zwangsläufig
als eine Weiterentwicklung der Techniken zur Vernichtung all jener angesehen,
deren Zugehörigkeit zum Menschengeschlecht in Frage gestellt wird. Die
sehr westliche Behauptung, die Nazibarbarei sei unbegreiflich, kann daher einem
Überlebenden der amerikanischen Indianer oder einem Nachkommen von Afrikanern,
der sich angesichts der Vernichtung der Seinen fragen mag, was Hitler denn so
besonderes getan hat, ein Lächeln entlocken.
Der Vorwurf, hier werde der Holocaust relativiert, liegt da schon fast auf der
Hand. Mit ihm sollte sich die Autorin auch ernsthaft auseinandersetzen, denn
es gibt in ihrem Buch zu viele Stellen, die diesen Verdacht nahelegen. Trotzdem:
Im Vordergrund steht das Anliegen Plumelle-Uribes, die Aufmerksamkeit auf die
außereuropäische Vorgeschichte des Holocaust zu lenken.
Die breite Akzeptanz von Rassehierarchien und das Zugehörigkeitsgefühl
zur überlegenen Gruppe waren Bestandteil des kollektiven Bewusstseins der
Weißen. Da der Ausschluss von Menschengruppen, die als rassisch unterlegen
galten, weitgehend in das Bezugssystem integriert war, ist es kein Wunder, dass
der offene Rassismus der nationalsozialistischen Partei und ihre Aufrufe zur
Ausgrenzung in Deutschland ebenso wenig auf prinzipielle Ablehnung stießen
wie im übrigen Westen."
Für Plumelle-Uribe wäre die nationalsozialistische Vernichtungspolitik
ohne die auf rassistischer Ausgrenzung basierende Kolonialpolitik und den damit
verbundenen Sklavenhandel nicht möglich gewesen. Völlig falsch ist
diese Sichtweise nicht, meint auch der Historiker und Völkermord-Experte
Jürgen Zimmerer. Eine direkte Linie von Pizzaro bis Himmler will Zimmerer
zwar nicht ziehen, doch es gebe Ähnlichkeiten zwischen der europäischen
Kolonialpolitik und der Vernichtungs- und Expansionspolitik der Nazis.
Sie haben sehr viele Zitate von deutschen Soldaten, die von Russland als Kolonialland
sprechen. Hitler spricht von den Ukrainern als 'Eingeborenen'. Man wollte das
Ost-Ministerium nach dem Vorbild des British India Ministery einrichten. Der
Kolonialismus steckt also als großer Ideengeber im Hintergrund, wenn -
und das ist wichtig - auch nicht der einzige Ideengeber. Den Antisemitismus
als wichtigen anderen Strang muss man an dieser Stelle natürlich nennen.
Plumelle-Uribe sieht ihn offenbar lediglich als eine Spielart des europäischen
Rassismus. Seine einzigartige Stellung in der Geschichtsschreibung habe der
Holocaust nur deswegen erreicht, weil ihn Europäer in Europa umgesetzt
haben - so die zweite Hauptthese der Autorin von "Weiße Barbarei". Mit
ihren Verbrechen gegen außereuropäische Völker hätten sich
die Europäer dagegen nie ernsthaft auseinandergesetzt.
Man kann sich sogar fragen, ob die Europäer je ihre Zweifel am
Menschsein der Schwarzen überwunden haben, nachdem sie diese über
dreieinhalb Jahrhunderte lang ununterbrochen wie Tiere behandelt hatten. Die
für diese Katastrophe verantwortlichen europäischen Nationen haben
sich tatsächlich bis heute nicht bei ihren Opfern entschuldigt. Sie
weichen aus und maßen sich das Recht an, anstelle der Opfer ihre eigenen
Verbrechen selbst zu definieren und zu entscheiden, welche historische Bedeutung
ihnen beizumessen ist oder auch nicht. Dieses Recht hätte das besiegte
Deutschland nie zu beanspruchen gewagt.
Wie Recht die Autorin mit diesem Vorwurf hat, hat in diesem Jahr erneut der
Streit um den Völkermord an den Herero und Nama vor 100 Jahren im damaligen
Deutsch-Südwestafrika gezeigt. Rosa Amalia Plumelle-Uribe gebührt
das Verdienst, ihren Lesern zu zeigen, dass es auch andere Perspektiven auf
den Lauf der Geschichte gibt. Die Sicht, die sie darstellt, begegnet einem beispielsweise
in Afrika unter jüngeren Intellektuellen immer wieder. Andererseits versteigt
sich Plumelle-Uribe am Schluss von "Weiße Barbarei" dazu, Zionismus mit
Rassismus und Faschismus in einen Topf zu werfen. Das Bündnis zwischen
dem Apartheid-Regime und Israel ist ihr Beweis genug dafür, dass sie Teil
ein und derselben ideologischen Großfamilie seien. Zwar ist "Weiße
Barbarei" trotz solcher Plattheiten kein antisemitisches Buch. Ihren Kritikern
macht es die Autorin aber mit solchen und anderen bizarren Gleichsetzungen leicht,
von ihrem eigentlichen Anliegen abzulenken. Und das ist schade.
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LINKS
(1) http://www.rotpunkverlag.ch
Telepolis Artikel-URL:
http://www.telepolis.de/r4/artikel/18/18491/1.html
Ausschluss, Verbannung und Vernichtung ganzer Völker ist fester Bestandteil der europäischen Zivilisation - oder Barbarei
Eine der Thesen dieses Buches lautet: Mit Hitler ist nur etwas ans Licht gekommen, was lange zuvor seinen Anfang genommen hat, eine rassistische Grausamkeit und ein System der Vernichtung von Menschen, die bis dahin nur die kolonialisierten, also nicht weißen Völker kennen gelernt hatten.
Die kolumbianische Publizistin Rosa Amelia Plumelle-Uribe analysiert den Holocaust vor dem Hintergrund einer eigentlichen europäischen »Kultur der Vernichtung« und zeigt einleuchtend, wo die Rassenpolitik der Nazis in der Tradition des Kolonialrassismus steht und wo sie aus ihr ausbricht. Dabei gerät sie nie in die Falle einer Relativierung der Naziverbrechen; die Autorin zeigt vielmehr, dass bei den Deutschen, die nie ein nennenswertes Kolonialreich besaßen, auf einmal – wie durch ein europäisches Langzeitgedächtnis übermittelt – Verhaltensweisen auftauchten, wie sie die Ausrottung der Indianer und die Versklavung der Schwarzen in früheren Jahrhunderten begleitet hatten.
Untersucht werden auch neuere Ausprägungen des weißen Herrenmenschendenkens wie etwa die südafrikanische Apartheid-Politik oder die US-Rechtsprechung mit ihren rassistischen Strukturen.
»Das Buch macht bewusst, dass das Verbot eines Vergleiches mit dem Holocaust, das Tabu, dessen Vokabular zu benutzen, auf einen uneingestandenen weißen Rassismus zurückzuführen ist.«
Alfred Grosser
Presseecho
»Das Buch bietet viele scharfsinnige Einsichten.«
Rudolf Walther, Tages-Anzeiger
»Ein leidenschaftliches Plädoyer gegen das Vergessen.«
Michael Kraus, Ökologie Politik
»Im besten Sinne ein aufklärerisches Buch.«
Ulrich Teusch, Süddeutsche Zeitung